Industrie 4.0 - Arbeit 4.0 - „Mary“ muss man Grenzen setzen

Singen/Freiburg/Löffingen, 15. Oktober 2019 - Erstmals führten die NGG-Regionen Schwarzwald-Hochrhein (Freiburg) und Baden-Württemberg Süd (Singen/Htwl.) im Rahmen ihrer Bildungskooperation eine Bildungsveranstaltung zum Thema Industrie 4.0/Arbeit 4.0 in der Drei-Schluchten-Halle in Löffingen durch. Rund 60 Betriebsräte/innen, die Claus-Peter Wolf, Geschäftsführer beider Regionen, begrüßen konnte, diskutierten mit der parlamentarischen Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter (MdB, SPD), dem NGG-Landesbezirksvorsitzenden Südwest Uwe Hildebrandt und dem NGG-Hauptvorstandsmitglied Efstathios Michaelidis (Betriebsratsvorsitzender Aqua Römer, Göppingen) über Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung im Zeitalter von Industrie 4.0.

„Wir brauchen tarifpolitische Antworten auf Industrie 4.0“, so Uwe Hildebrandt. Die Wahlfreiheit von Freizeit anstelle einer kompletten Lohnerhöhung, Qualifizierungsmöglichkeiten durch tarifvertragliche Regelungen seien nach Hildebrandt nur einige Möglichkeiten, um den Anforderungen gerecht zu werden. „Industrie 4.0 darf nicht zum Stressfaktor Nr. 1 für die Beschäftigten werden. Ständiger Erreichbarkeit und lückenloser Überwachung muss durch tarifvertragliche und betriebsverfassungsrechtliche Regelungen ein Riegel vorgeschoben werden‘“. Über internationale Verflechtungen und die regionalen Schwierigkeiten berichtete die parlamentarischen Staatssekretärin aus dem Bundesumweltministerium Rita Schwarzelühr-Sutter. „Wir müssen verhindern, dass Global Player die Standorte gegeneinander ausspielen. Beim Kampf für gute Arbeitsbedingungen, stehe ich an eurer Seite“, so Schwarzelühr-Sutter.

Über „Mary“ berichtete der Betriebsratsvorsitzende der Göppinger Aqua Römer Mineralbrunnen, Efstatios Michaelidis. „Mary“ (ein EDV-Programm, das von den Mitarbeitern der Aqua Römer so getauft wurde) spricht via Funk und künstlicher Intelligenz (KI) selbständig mit den Logistikmitarbeitern, führt diese zielgenau an die abzuholenden Paletten und organisiert ein gesamtes riesiges Lager. „Mary kann viel. Mary erleichtert uns zwar die Arbeit, steuert unsere Mitarbeiter zielgenau und effizient. Aber Mary hat auch dazu geführt, dass wir ca. 25% weniger Personal in der Logistik benötigen und Arbeitsplätze weggefallen sind“, so Michaelidis. „Ein Effekt von „Mary“ ist leider auch, dass die Mitarbeiter nicht mehr während der Arbeit miteinander kommunizieren, da „Mary“ ständig Anweisungen und Gutmeldungen erteilt und abverlangt.“ Michaelidis berichtete auch über weitere Schattenseiten des technischen Fortschrittes, angefangen von einer unbändigen Datenflut, über biometrische Profile bis hin zu arbeitsrechtlichen Folgen. „Wenn das Bewerbungsgespräch über ein Analyseprogramm geführt wird oder Abmahnungen oder gar Kündigungen durch die EDV selbständig ausgesprochen werden, weil der Datenabgleich Fehl- oder Schlechtleistung errechnet, dann ist es Zeit „Mary“ Grenzen zu setzen. Deshalb haben wir schon im Jahr 2004 eine Betriebsvereinbarung zum Einsatz dieser Technologie abgeschlossen. Dies ging im Vorfeld aber so weit, dass wir als Betriebsrat mit der Stilllegung vom „Mary“ drohen mussten“, so Michaelidis. Die Betriebsvereinbarung aus dem Jahr 2004 ist immer noch gültig und so aktuell wie nie. Denn sie regelt bis zum heutigen Tage dem Missbrauch von Daten vorbeugend. „Hier ist aber Handlungsbedarf bei der Politik! Nur 30% aller Betrieb besitzen einen Betriebsrat, der dieses Problem per Betriebsvereinbarung lösen und das Schlimmste verhindern kann. In den 70% der betriebsratslosen Betrieben können diese Daten mehr oder minder ungehemmt vom Arbeitgeber genutzt werden. Deshalb benötigen wir zum Schutz der Beschäftigten klare Regelungen, die die Auswertung und ggf. Verknüpfung biometrischer Daten zum Zweck der Kontrolle der Mitarbeiter und daraus resultierenden arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu verhindern“, so Michaelidis.