Unilever/Knorr, Heilbronn: Zehn Jahre Sicherheit möglich - Zukunftspakt liegt auf dem Tisch

Eckpunkte-Ergebnis nach viertägigem Verhandlungsmarathon – Akzeptanz der Konzernspitze und Mehrheit im NGG-Mitgliedervotum noch erforderlich

Heilbronn, 29. Januar 2020 - Heilbronn – 29. Januar 2020. Statt der drohenden Schließung von Knorr in Heilbronn liegt nun ein Zukunftspakt auf dem Tisch. Danach ist ein Tarifvertrag mit zehnjähriger Standort- und Beschäftigungsgarantie für das Unilever-Werk möglich, der ebenso den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2030 regelt. Dies teilte die Gewerkschaft Nahrung-GenussGaststätten (NGG) nach einer Betriebsversammlung am heutigen Mittwoch mit.

Der Konzern hatte im Oktober letzten Jahres mit dem Aus für das Heilbronner Traditionswerk Knorr gedroht und erklärt, es gebe nur eine Zukunftschance bei einem „radikalen Umbau“ der Kostenstruktur. Nach einem abschließenden, viertägigen Verhandlungsmarathon hatten sich die Verhandlungskommissionen von NGG und Unilever Ende vergangener Woche auf ein Eckpunktepapier verständigt, dass heute in einer Betriebsversammlung den Beschäftigten präsentiert wurde.

„Die Beiträge der Beschäftigten in diesem Zukunftspakt sind zwar durchaus schmerzhaft, aber noch vertretbar. Denn dass wir eine ganze Dekade Sicherheit für den Standort und die Arbeitsplätze in Werk und Lager durchsetzen können, haben sicher nur wenige für möglich gehalten“, sagt NGG-Verhandlungsleiter Burkhard Siebert von der NGG-Region Heilbronn. „Dabei haben wir die millionenschweren Maximalforderungen der Arbeitgeberseite trotzdem auf ein verträgliches und einigermaßen gleichmäßig verteiltes Maß heruntergedampft“, so der Gewerkschafter. Bestandteil des Ergebnispakets sind nachhaltige Veränderungen bei den Arbeitsbedingungen, die das Werk auf seine künftige Rolle als „Grundlast-Fabrik“ vorbereiten. Für die Gewährleistung von Produktionssicherheit werden künftig größere Arbeitszeitflexibilisierungs-Möglichkeiten als bisher eröffnet, die verpflichtend bis zu 18 Wochenschichten ermöglichen. „Dies kann verpflichtend eine 6. Schicht am Samstag bedeuten,“ so Siebert, „aber der Sonntag bleibt immer freiwillig, das war uns sehr wichtig“. Die Schichtmodelle müssten zudem passgenau sein und die Lebenswirklichkeit der Menschen berücksichtigen.

Zweiter wichtiger Baustein ist die Einführung eines komplett neuen, strukturell modernisierten Entgelttarifsystems: „Ein großer Teil für eine solche Modernisierung der Arbeitsplatzbewertung war bereits 2016 vereinbart, ist aber bislang nicht umgesetzt worden“. Diese Vorarbeiten würden nun angepasst und mit einer komplett neuen Entgelttabelle hinterlegt, die ein etwas niedrigeres Tarifniveau als heute haben wird. In 2020 werden die Entgelte zwar nicht steigen, aber Siebert betont, das NGG für die heute Beschäftigten Entgelteinbußen und jahrelange Nullrunden verhindert habe: „Niemand bekommt weniger, das aktuelle regelmäßige Monatsentgelt wird fortgeführt und wächst weiter, für einen überschaubaren Zeitraum etwas flacher“. Unilever werde damit sowie bei künftigen Mitarbeiter trotzdem ein entsprechendes Einsparpotenzial generieren. Der vom Unternehmen ursprünglich geforderte Wechsel in einen fachfremden, „billigeren“ Tarifbereich ist damit vom Tisch. Zudem würden bisherige, variable Prämien nicht mehr fortgeführt und Zulagen verändert. Details der Handlungsfelder müssen jetzt noch vertiefend ausgearbeitet werden.  Mit Ausnahme der neuen Entgeltsystematik gelten die Veränderungen der materiellen Bedingungen auch nur solange, wie auch die Garantien gelten. Sollte das mögliche Tarifpaket zu Ende 2030 gekündigt werden, gelten wieder alle Bedingungen des Zusatztarifvertrages aus 1992. Für die Laufzeit sind im Übrigen Arbeitgeberforderungen nach weitere tariflichen Veränderungen ausgeschlossen. Weihnachts- und Urlaubsgeld, Altersfreizeit-Tage für ältere Beschäftigte und andere Regelungen bleiben unangetastet.

Ob am Ende ein Vertragswerk zustande kommt, hängt von zwei Bedingungen ab: Die Arbeitgeberseite muss ihre Konzernspitze zu einer Zustimmung bewegen, und auf Gewerkschaftsseite wird das Paket in einem Mitgliedervotum zur Abstimmung gestellt: „Wir haben von Anfang an gesagt: Nur, wenn eine Mehrheit der NGG-Mitglieder ein Gesamtergebnis akzeptiert, werden wir diesen Zukunftspakt unterschreiben“, stellt Siebert klar. „Aber ich bin mir sicher, dass unsere Mitglieder mit dieser Abstimmung sehr verantwortungsvoll und mit Bedacht umgehen“. Die NGG wird nun ihre Mitglieder in weiteren Versammlungen und schriftlich ausführlich informieren und die Abstimmung auf den Weg bringen.

Die Gewerkschaft NGG hatte nach der Schließungsdrohung von Unilever im November letzten Jahres eine Kundgebung auf dem Heilbronner Kiliansplatz organisiert, bei der über 1.000 Menschen gegen das drohende Aus für Knorr demonstrierten. Bei der ersten Verhandlung im Dezember hatte die NGG-Tarifkommission der Arbeitgeberseite über 26.000 Unterschriften aus einer bundesweiten Kampagne für den Erhalt des Standorts überreicht.